Die Todteninsel
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Alle Rechte vorbehalten. Die Todteninsel.
Von Richard Voß.
Es war in Roms goldener Zeit. Die Kaiserstadt am Tiber war in Flammen aufgegangen und soeben aus der Asche neu erstanden. Was der menschliche Geist an Herrlichkeit, an Ueppigkeit und Vergeudung, an ungeheuerlichster Verworfenheit und schändlichem Laster hervorbringen konnte, ward ausgesprochen, wenn man Rom nannte. Mit dem Wahnwitze Nero’s war die schreckliche und scheußliche Kaiserkrankheit bereits typisch geworden: es gab Nichts, was in der Welt, die jener Grimasse eines großen Herrschers unterthan war, unmöglich gewesen wäre.
Noch lebten die Götter Griechenlands. In Rom befand sich eine Stadt von Tempeln, welche ein Volk von göttlichen Bildnissen aus Marmor, aus Gold und Elfenbein bewohnte. Ueberall standen die Altäre der Olympier. Aber bereits schwebte über der Glorie dieser Götterwelt der Schatten des Kreuzes, unter dessen triumphirendem Zeichen der Glanz der goldenen Roma erblassen, die Tempel zerbrechen, die Altäre stürzen, die Götter vergehen sollten; bereits stieg von Golgatha der Dunst vergossenen göttlichen Blutes auf, den alle Wohlgerüche Arabiens nicht zu überduften vermochten, und das bacchantische Evoë des Heidenthums durchzitterte der letzte Seufzer des sterbenden Gottessohnes: in der von Lust und Genuß übersättigten Menschheit erwachte die Sehnsucht nach einem erlösenden Tode.
Rom war das Meer brausender Lebensfreuden, schäumender Daseinswonnen und schimmernder Herrlichkeiten, von dem nach allen Himmelsgegenden Ströme ausgingen, die Welt mit Wogen römischen Glanzes und römischer Verderbniß überfluthend. Einer dieser zahllosen Kanäle, welche römische Kultur, Sitte und Fäulniß über die Erde verbreiteten, lief durch Latinum dem Meere zu, die ganze Küste von Centumcellae bis zu dem wollüstigen Bajä mit einem strahlenden Bande von ländlichen Lusthäusern und Prachtbauten säumend, daß der Strand weit hinausleuchtete in die blauenden Fernen des herrlichen, von Göttern und Menschen geliebten tyrrhenischen Meeres.
Und die römische Herrlichkeit schimmerte gleich einem Nebelstreif zu einem winzigen Klippeneilande hinüber, welches weltfern in der erhabenen Einsamkeit der Meeresfluthen ruhte.
Die Insel war der Gipfel eines todten Vulkans, fast bis zur Spitze lag der gewaltige Berg in den Wellen versenkt. Nach dem Festlande zu hatte die Gewalt des unterirdischen Elementes den Kraterrand gesprengt, aus einander gerissen und theils in die Tiefe des Kraters selbst, theils in den Abgrund der Wellen geschleudert. Als ein Halbkreis von mächtigen Wänden, an denen kein Pflänzlein Wurzel zu fassen vermochte, entstieg der braune Tufffels dem Meere; gleich dem Thron des Neptun erhob sich der geborstene Gipfel über der leuchtenden Wogendecke. Möven umkreisten die Klippen, der Seeadler ruhte darauf, die Wellen schlugen beim Sturme schäumend und donnernd daran; aber keines Menschen Fuß berührte das öde Gestein. In langer Kette zogen die Jahrhunderte an dem einsamen Felsen vorüber, langsam die Wandlung vollziehend.
Der vulkanische Stein verwitterte, und wo der Krater in sich zusammengestürzt war, deckte eine dichte Erdschicht die Trümmer. Winde und Vögel trugen geschäftig aus beiden Welttheilen Samen von Bäumen und Blumen nach dem Eiland hinüber. Im Halbkreis der Felsenmauern blühte es auf; ein tiefschattiger Hain entstand, ein paradiesisches Gefilde, die köstlichste Wildniß von Blumen und Blüthen, in denen Scharen buntgefiederter Vögel nisteten, ringsum die Luft mit Gesang erfüllend, so daß Vogellied das Rauschen der Meeresfluth übertönte.
Dann entdeckte der Mensch das glückselige Eiland. Von der Küste her kamen die Römer, und da die winzige Klippe zu wenig Raum bot, als daß ein Volk von Lebendigen darauf hätte Fuß fassen können, wurde die Insel zu einer Wohnstätte der Todten bestimmt. Man sprengte Galerien in das Gestein, wölbte Grotten und Grabkammern, rodete den Hain aus, die Platanen und Steineichen, die Palmen und Pinien, und pflanzte den Todten schwarze Cypressen, in deren Mitte sich leuchtend der Altar erhob, darauf den Unsterblichen das Opferfeuer angebrannt wurde. Was die tiefen Schatten der Bäume durchstrahlte, weit bis ins Meer hinaus, das waren die Rosen, deren Heimath der meerumbrandete Felsen zu sein schien: Rosen umblühten die Stufen des Altares, Rosen umrankten die Stämme der Cypressen, durchwanden die starren Zweige, kletterten hinauf in den Gipfel, stürzten sich von droben in schimmerndem Blüthenfall zur Erde nieder.
Und Rosen bedeckten ringsum die braunen Klippen! Gleich einem strahlenden Vorhang hing es von den jähen Wänden, in deren Tiefen die Todten schliefen, bis herab in die Fluthen. Die rosigen Blumenwellen trieben auf den Meereswogen.
Generationen von Menschengeschlechtern ruhten in den engen, dunklen Kammern vom Leben aus; ein ganzes Volk von Todten bewohnte das liebliche Eiland, schon war es mit Sarkophagen und modernden Leichnamen angefüllt, aber das Blühen der Rosen nahm kein Ende. Mancher, der aus der blauen Fluth das schimmernde Eiland auftauchen sah, rief, ernsten Auges hinüberspähend, mit gedämpfter Stimme aus:
„Seht dort – die Insel der Seligen!“
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Die Insel der Seligen, wie das Eiland von den Küstenbewohnern bald allgemein genannt wurde, ward zur neronischen Zeit außer von der Heerschar seliger Todten nur noch von einem Priester und einem Hüter der Gräber nebst ihren Familien bewohnt. Der Priester, welcher dem Dienste der Todtenopfer oblag, hieß Atinas und war ein überaus gottesfürchtiger, in seinem Glauben strenger und eifriger Mann. Sein Weib führte den göttlichen Namen Trivia. Leider starb die Frau in jungen Jahren, nachdem sie ihrem Gatten, der sie heiß liebte, einen Sohn geboren hatte. Die Götter mögen wissen, was aus dem kleinen Tullus geworden wäre, hätte das Weib des Grabhüters Daunus nicht mütterlich des Knäbleins sich angenommen. Zur selben Zeit, als Trivia einem Kinde das Leben gab und daran starb, ward auch die wackere Larina Mutter eines Mädchens, so daß sie die Quelle ihrer Brust zwischen dem mutterlosen Knaben und ihrem eigenen Kinde theilen konnte. Der arme Atinas hüllte sein todtes Weib in ein Linnen, opferte für ihren Schatten den finsteren Gottheiten und half Daunus den Leichnam in eine Grabkammer tragen. Da fast alle Höhlungen der Felsen ihre Sarkophage oder Aschenurnen bereits empfangen hatten, mußten die Männer mit der Gestorbenen bis in das höchste Stockwerk des großen Todtenhauses hinauf, woselbst sich noch einige leere Zellen [14] befanden: eine mühselige Wanderung beim Scheine einer Fackel durch die Nacht des engen Felsenganges. Als das Grab seine ewige Bewohnerin aufgenommen hatte, meinte Daunus:
„Nun ist unser Tagewerk hier bald gethan. Wenn unsere Kinder groß geworden sind, schiffen wir uns Alle ein, fahren nach Antium hinüber und wandern mit einander nach Rom. Dort soll es uns gut gehen! Die Todten hier werden wohl von den Wellen bewacht werden und auf Deinem Altare, mein guter Atinas, mögen die Cypressen und Rosen den Göttern opfern.“
Atinas erwiederte Nichts. Er gedachte seiner Todten und daß sein Weib ihren Knaben nicht sehen sollte, wenn er groß geworden war und mit der jungen Acca nach Rom zog.
Anderen Tages wurde der Eingang zur Grotte, darin sich nur noch Platz für einen Todten befand, vermauert, und Larina flocht aus Cypressenzweigen und bunten Bändern eine Tänie[1], die Atinas trauernd über die Grabthür hängte.
Einträchtig lebten die Inselleute weiter. Atinas, dessen von Natur finsteres Gemüth sich mehr und mehr verdüsterte, wohnte auf der einen Seite der Insel, wo neben dem eingestürzten Kraterrand der Fels als mächtige und unzugängliche Wand ins Meer abfiel, seinen treuen Gefährten in der Einsamkeit gerade gegenüber. Zwischen beiden Behausungen lag der Cypressenhain mit der Blumenwildniß und dem Altar in seiner Mitte. Beide Hütten waren ehemalige Grabkammern, in welche man nach dem Meere zu Fenster eingebrochen hatte. Aber weder bei Atinas noch bei Daunus war es den Räumen anzumerken, daß sie während vieler Jahrhunderte von Todten bewohnt gewesen. Die Wände waren mit hellem Stuck überzogen, darauf heitere Gemälde: Landschaften, Genien und anmuthige Menschengestalten, Bilder des Lebens, der Schönheit und der Freude erglänzten; ein bunter Fries, an dem Gewinde von Blumen und Früchten niederhingen, umrandete die mit lichten Stuckaturen geschmückte Decke. Der Fußboden trug eine schöne Mosaik und wurde an festlichen Tagen mit wohlriechenden Kräutern bestreut.
Die Geräthe beider Wohnungen waren überaus schlicht und ihrer nur sehr wenige; sie genügten indessen den Bedürfnissen der Bewohner. In der einen Kammer stand neben dem Ehebette der Webstuhl; in einem andern Gelasse befand sich der Stein, darauf das Brot gebacken und die Fische gebraten wurden, befanden sich auch die verschiedenen Amphoren, Gefäße von nicht allzu mäßigem Umfange, und der Platz, um den Mischkrug zu bewahren.
In dem kleinen Nachen, für den die sorgende Natur an dem sanften Gestade der einen Inselseite einen winzigen Hafen geschaffen, trat der biedere Daunus einmal in jedem Monat die Meerfahrt nach Antium an. In dieser herrlichen Stadt, in deren Mauern der Kaiser geboren worden, beschaffte er für sich und seinen priesterlichen Freund Alles, dessen das Haus und der Grabkultus bedurfte: Mehl und Salz, Oel, Wein und Flachs, buntes Bandwerk, um Tänien zu flechten, und allerlei Spezereien für den heiligen Opferdienst.
Nach glücklich abgeschlossenem Handel und nachdem er sich beim Oberpriester des Apollotempels gemeldet, unter welchem hohen Heiligthum die Gräberinsel stand, schiffte Daunus so eilig wie möglich wieder zurück. Die reiche, lärmende Hafenstadt mit ihrer Menge von prangenden Tempeln, Basiliken und Hallen war für sein ehrliches, weltfremdes und weltscheues Gemüth voller Schrecknisse, Gefahren und Nöthe, denen er sich erst dann glücklich entronnen fühlte, wenn er sich weit entfernt von dem sirenischen Gestade auf offenem Meere befand. Segelte er seiner lieben Gräberinsel zu, so war ihm, als ob die Wellen ihn einem seligen Gestade entgegentrügen, und das Herz bebte ihm bei der Vorstellung, daß sie, sobald die Kinder groß geworden, ihr friedliches Eiland verlassen und nach Rom ziehen würden, um sich in dieser ungeheuren Stadt ihres Lebens zu erfreuen. Der gute Daunus zerbrach sich bereits jetzt den Kopf, wie sie es dereinst anfangen sollten, in dem Gedränge der Gassen nicht erstickt und zerdrückt zu werden. Wenn schon das kleine Antium als ein Rom erschien, wie mußte dann erst die Stadt des Kaisers sein!
Die glückliche Rückkehr des Daunus aus der weiten, weiten Welt war auf der Insel jedes Mal ein Ereigniß. Der Weitgereiste sollte erzählen. Larina erkundigte sich eifrigst nach allerlei Frauenangelegenheiten: ob die vornehmen Antiatinnen sich immer noch das Haar aufthürmten, des Nachts frisches Hühnerfleisch auf die Gesichter legten und Belladonna in die Augen gössen? Ob die Frau des Cäsars wirklich goldenes Haar hätte, ein Hemd aus Byssus[2] trüge, wie Spinnweb so fein, und eine Freigelassene wäre? Ob Daunus einen Gladiator gesehen und ob in Antium nicht bald wieder ein Fest gefeiert würde, bei dem wilde Thiere gefangene Uebelthäter zerrissen?
Der schweigsame Atinas fragte nur nach Einem: aber er fragte es jedes Mal:
„Sage, o Daunus: werden in Antium die Götter geehrt?“
Dann wurde Daunus redselig:
„Das will ich meinen! Welche Tempel, welche Bildnisse, welche Weihgeschenke! Es ist nicht zu glauben!“
„Und in Rom? Hörtest Du in Antium sagen, daß auch in Rom den Unsterblichen eifrig gedient würde?“
„Je nun, in Rom – freilich, auch in Rom; ganz sicher auch in Rom! Es soll nicht zu glauben sein!“
„Aber der Kaiser?“
„Nun, das ist Einer! Der versteht’s! Das ist ein Anderer als der Caligula. Und wie er die Götter ehrt! Er soll sogar daran denken, selber einer zu werden, ein ganz anderer, als der Caligula war: ein wirklicher Gott. Gar nicht zu glauben ist’s! – Sagtest Du Etwas?“
Doch Atinas hatte Nichts gesagt; nur tief aufgeseufzt hatte der Priester.
Unter Todten, die in ihrem ewigen Frieden selig waren, und unter Blumen, welche das ganze Jahr hindurch blühten, wuchs das Kinderpaar auf; an Lebensfülle, Heiterkeit und Schönheit jungen Göttern gleich. Die kleine Acca mit ihren zarten Gliedern, dem schlanken Hals und blassen Gesichtchen glich einem Marmorbilde der Psyche, welches in einem laurentinischen Heiligthum verehrt wurde. Sie hatte lichtes, welliges Haar und in ihrem lieblichen Antlitz erstrahlten die Augen in dem tiefen Blau der von Sonne durchleuchteten Meereswogen. Wenn sie lächelte, was sie that, so oft sie ihres Spielgefährten ansichtig ward, erschien sie so reizend, daß selbst Atinas glaubte, es könnte auf der Welt nichts Holdseligeres geben. Ihre Stimme war voll Wohllauts, und sie hatte eine eigentümlich anmuthige Art zu gehen und sich zu bewegen. Im Spiel mit dem Knaben huschte und schlüpfte sie wie eine Eidechse durch die Büsche; dann hörte man durch die Zweige ihr Lachen, lieblich wie Sirenengesang.
Sie war heiteren Gemüthes, von einem stillen Frohsinn, gleichmäßig sonnig, einem schönen Frühlingsmorgen ähnlich. Wenn sie in die Kammer ihrer Eltern oder in die Wohnung des Atinas trat, so schien der trübste Tag plötzlich weniger trübe, ein sonniger noch strahlender zu werden. Frühzeitig lernte sie, ihrer Mutter Larina beim Flechten der Tänien behilflich zu sein, welche das Weib des Grabhüters an bestimmten Tagen vor den Grabkammern aufzuhängen hatte; sie goß für Vater Atinas den Wein in die Opferschale, häufte die Spezereien auf dem Altar, den sie jeden Tag mit frischen Blüthen kränzte, und schaffte bereits als halbwüchsiges Mädchen eifrig mit der Spindel und am Webstuhl. Da nun seit dem Tode der armen Trivia in des Atinas Kammer der Webstuhl verlassen stand, so war Nichts natürlicher, als daß der leere Platz von Acca eingenommen wurde, welche auch sonst im Hause des Priesters geschäftig als kleine Domina waltete.
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