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Inhalt
  1. VORBERICHT
  2. ERSTER TEIL
  3. ERSTES BUCH
  4. ERSTES KAPITEL
  5. ZWEITES KAPITEL
  6. DRITTES KAPITEL
  7. VIERTES KAPITEL
  8. FÜNFTES KAPITEL
  9. SECHSTES KAPITEL
  10. SIEBENTES KAPITEL
  11. ACHTES KAPITEL
  12. NEUNTES KAPITEL
  13. ZEHNTES KAPITEL
  14. EILFTES KAPITEL
  15. ZWEITES BUCH
  16. ERSTES KAPITEL
  17. ZWEITES KAPITEL
  18. DRITTES KAPITEL
  19. VIERTES KAPITEL
  20. FÜNFTES KAPITEL
  21. SECHSTES KAPITEL
  22. SIEBENTES KAPITEL
  23. ACHTES KAPITEL
  24. DRITTES BUCH
  25. ERSTES KAPITEL
  26. ZWEITES KAPITEL
  27. DRITTES KAPITEL
  28. VIERTES KAPITEL
  29. FÜNFTES KAPITEL
  30. SECHSTES KAPITEL
  31. VIERTES BUCH
  32. ERSTES KAPITEL
  33. ZWEITES KAPITEL
  34. DRITTES KAPITEL
  35. VIERTES KAPITEL
  36. FÜNFTES KAPITEL
  37. SECHSTES KAPITEL
  38. FÜNFTES BUCH
  39. ERSTES KAPITEL
  40. ZWEITES KAPITEL
  41. DRITTES KAPITEL
  42. VIERTES KAPITEL
  43. FÜNFTES KAPITEL
  44. SECHSTES KAPITEL
  45. SIEBENTES KAPITEL
  46. ACHTES KAPITEL
  47. NEUNTES KAPITEL
  48. ZEHENTES KAPITEL
  49. EILFTES KAPITEL
  50. SECHSTES BUCH
  51. ERSTES KAPITEL
  52. ZWEITES KAPITEL
  53. DRITTES KAPITEL
  54. VIERTES KAPITEL
  55. FÜNFTES KAPITEL
  56. SIEBENTES BUCH
  57. ERSTES KAPITEL
  58. ZWEITES KAPITEL
  59. DRITTES KAPITEL
  60. VIERTES KAPITEL
  61. FÜNFTES KAPITEL
  62. SECHSTES KAPITEL
  63. SIEBENTES KAPITEL
  64. ACHTES KAPITEL
  65. NEUNTES KAPITEL
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Geschichte des Agathon. Teil 1

Christoph Martin Wieland

kostenlos · 86.368 Wörter · ~6 Std. Lesezeit

Text von Project Gutenberg

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(von vorn beginnen)

Erste Fassung (1766/1767)

—quid Virtus, et quid Sapientia possit Utile proposuit nobis exemplar.—

Geschichte des Agathon—Inhalt

Vorbericht

Erster Teil

Erstes Buch

    Erstes Kapitel: Anfang dieser Geschichte
    Zweites Kapitel: Etwas ganz Unerwartetes
    Drittes Kapitel: Unvermutete Unterbrechung des
                     Bacchus-Festes
    Viertes Kapitel: Agathon wird zu Schiffe gebracht
    Fünftes Kapitel: Eine Entdeckung
    Sechstes Kapitel: Erzählung der Psyche
    Siebentes Kapitel: Fortsetzung der Erzählung der Psyche
    Achtes Kapitel: Psyche beschließt ihre Erzählung
    Neuntes Kapitel: Wie Psyche und Agathon wieder getrennt werden
    Zehntes Kapitel: Ein Selbstgespräch
    Eilftes Kapitel: Agathon kömmt zu Smyrna an, und wird verkauft

Zweites Buch

    Erstes Kapitel: Wer der Käufer des Agathon gewesen
    Zweites Kapitel: Absichten des weisen Hippias
    Drittes Kapitel: Verwunderung, in welche Agathon gesetzt wird
    Viertes Kapitel: Welches bei einigen den Verdacht erwecken wird,
                     daß diese Geschichte erdichtet sei
    Fünftes Kapitel: Schwärmerei des Agathon
    Sechstes Kapitel: Ein Gespräch zwischen Hippias und seinem Sklaven
    Siebentes Kapitel: Worin Agathon für einen Schwärmer ziemlich gut
                       räsoniert
    Achtes Kapitel: Vorbereitungen zum Folgenden

Drittes Buch

    Erstes Kapitel: Vorbereitung zu einem sehr interessanten Diskurs
    Zweites Kapitel: Theorie der angenehmen Empfindungen
    Drittes Kapitel: Die Geisterlehre eines echten Materialisten
    Viertes Kapitel: Worin Hippias bessere Schlüsse macht
    Fünftes Kapitel: Der Anti-Platonismus in Nuce
    Sechstes Kapitel: Ungelehrigkeit des Agathon

Viertes Buch

    Erstes Kapitel: Geheimer Anschlag, den Hippias gegen die Tugend
                    unsers Helden macht
    Zweites Kapitel: Hippias stattet einer Dame einen Besuch ab
    Drittes Kapitel: Geschichte der schönen Danae
    Viertes Kapitel: Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer
                     verschönernden Einbildungskraft zu sein
    Fünftes Kapitel: Pantomimen
    Sechstes Kapitel: Geheime Nachrichten

Fünftes Buch

    Erstes Kapitel: Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von
                    unsern Personen vorgegangen
    Zweites Kapitel: Eine kleine metaphysische Abschweifung
    Drittes Kapitel: Worin die Absichten des Hippias einen merklichen
                     Schritt machen
    Viertes Kapitel: Veränderung der Szene
    Fünftes Kapitel: Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe
    Sechstes Kapitel: Worin der Geschichtschreiber sich einiger
                      Indiskretion schuldig macht
    Siebentes Kapitel: Magische Kraft der Musik
    Achtes Kapitel: Eine Abschweifung, wodurch der Leser zum Folgenden
                    vorbereitet wird
    Neuntes Kapitel: Nachrichten zu Verhütung eines besorglichen
                     Mißverstandes
    Zehentes Kapitel: Welches alle unsre verheiratete Leser, wofern sie
                      nicht sehr glücklich oder vollkommne Stoiker sind,
                      überschlagen können
    Eilftes Kapitel: Eine bemerkenswürdige Würkung der Liebe, oder von
                     der Seelenmischung

Sechstes Buch

    Erstes Kapitel: Ein Besuch des Hippias
    Zweites Kapitel: Eine Probe von den Talenten eines
                     Liebhabers
    Drittes Kapitel: Konvulsivische Bewegungen der
                     wiederauflebenden Tugend
    Viertes Kapitel: Daß Träume nicht allemal Schäume sind
    Fünftes Kapitel: Ein starker Schritt zu einer Katastrophe

Siebentes Buch

    Erstes Kapitel: Die erste Jugend des Agathons
    Zweites Kapitel: En animam & mentem cum qua Di nocte
                     loquantur!
    Drittes Kapitel: Die Liebe in verschiedenen Gestalten
    Viertes Kapitel: Fortsetzung des Vorhergehenden
    Fünftes Kapitel: Agathon entfliehet von Delphi, und findet
                     seinen Vater
    Sechstes Kapitel: Agathon kommt nach Athen, und widmet sich
                      der Republik. Eine Probe der besondern Natur
                      desjenigen Windes, welcher vom Horaz aura
                      popularis genennet wird
    Siebentes Kapitel: Agathon wird von Athen verbannt
    Achtes Kapitel: Agathon endigt seine Erzählung
    Neuntes Kapitel: Ein starker Schritt zur Entzauberung unsers
                     Helden

Zweiter Teil

Achtes Buch

    Erstes Kapitel: Vorbereitung zum Folgenden
    Zweites Kapitel: Verräterei des Hippias
    Drittes Kapitel: Folgen des Vorhergehenden
    Viertes Kapitel: Eine kleine Abschweifung
    Fünftes Kapitel: Schwachheit des Agathon; unverhoffter Zufall,
                     der seine Entschließungen bestimmt
    Sechstes Kapitel: Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze
    Siebentes Kapitel: Eine oder zwo Digressionen

Neuntes Buch

    Erstes Kapitel: Veränderung der Szene. Charakter der Syracusaner,
                    des Dionysius und seines Hofes
    Zweites Kapitel: Charakter des Dion. Anmerkungen über denselben.
                     Eine Digression
    Drittes Kapitel: Eine Probe, daß die Philosophie so gut zaubern
                     könne, als die Liebe
    Viertes Kapitel: Philistus und Timocrates
    Fünftes Kapitel: Agathon wird der Günstling des Dionysius

Zehentes Buch

    Erstes Kapitel: Von Haupt—und Staats-Aktionen. Betragen Agathons
                    am Hofe des Königs Dionys
    Zweites Kapitel: Beispiele, daß nicht alles, was gleißt, Gold ist
    Drittes Kapitel: Große Fehler wider die Staats-Kunst, welche Agathon
                     beging—Folgen davon
    Viertes Kapitel: Nachricht an den Leser
    Fünftes Kapitel: Moralischer Zustand unsers Helden

Eilftes Buch

    Erstes Kapitel: Apologie des griechischen Autors
    Zweites Kapitel: Die Tarentiner. Charakter eines liebenswürdigen
                     alten Mannes
    Drittes Kapitel: Eine unverhoffte Entdeckung
    Viertes Kapitel: Etwas, das man ohne Divination vorhersehen konnte
    Fünftes Kapitel: Abdankung

VORBERICHT

Der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte siehet so wenig Wahrscheinlichkeit vor sich, das Publicum überreden zu können, daß sie in der Tat aus einem alten Griechischen Manuskript gezogen sei; daß er am besten zu tun glaubt, über diesen Punkt gar nichts zu sagen, und dem Leser zu überlassen, davon zu denken, was er will.

Gesetzt, daß wirklich einmal ein Agathon gewesen, (wie dann in der Tat, um die Zeit, in welche die gegenwärtige Geschichte gesetzt worden ist, ein komischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt sein muß:) gesetzt aber auch, daß sich von diesem Agathon nichts wichtigers sagen ließe, als wenn er geboren worden, wenn er sich verheiratet, wie viel Kinder er gezeugt, und wenn, und an was für einer Krankheit er gestorben sei: was würde uns bewegen können, seine Geschichte zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich erwiesen wäre, daß sie in den Archiven des alten Athens gefunden worden sei?

Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, daß alles mit dem Lauf der Welt übereinstimme, daß die Charakter nicht willkürlich, und bloß nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet, sondern aus dem unerschöpflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in der Entwicklung derselben so wohl die innere als die relative Möglichkeit, die Beschaffenheit des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden Leidenschaft, mit allen den besondern Farben und Schattierungen, welche sie durch den Individual-Charakter und die Umstände einer jeden Person bekommen, aufs genaueste beibehalten; daneben auch der eigene Charakter des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die Geschichte gesetzt wird, niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so gedichtet sei, daß kein hinlänglicher Grund angegeben werden könne, warum es nicht eben so wie es erzählt wird, hätte geschehen können, oder noch einmal wirklich geschehen werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art nützlich machen, und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der Geschichte des Agathons zu versprechen.

Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Charakter, welcher gekannt zu werden würdig wäre, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten bekannt zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den seine Wahl gefallen ist. Allein, da er selbst gewiß zu sein wünschte, daß er der Welt keine Hirngespenster für Wahrheit verkaufe; so wählte er denjenigen, den er am genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Aus diesem Grunde kann er ganz zuverlässig versichern, daß Agathon und die meisten übrigen Personen, welche in seine Geschichte eingeflochten sind, wirkliche Personen sind, dergleichen es von je her viele gegeben hat, und in dieser Stunde noch gibt, und daß (die Neben-Umstände, die Folge und besondere Bestimmung der zufälligen Begebenheiten, und was sonsten nur zur Auszierung, welche willkürlich ist, gehört, ausgenommen) alles, was das Wesentliche dieser Geschichte ausmacht, eben so historisch, und vielleicht noch um manchen Grad gewisser sei, als irgend ein Stück der glaubwürdigsten politischen Geschichtschreiber, welche wir aufzuweisen haben.

Es ist etwas bekanntes, daß öfters im menschlichen Leben weit unwahrscheinlichere Dinge begegnen, als der Chevalier de Mouhy selbst zu erdichten sich getrauen würde. Es würde also sehr übereilt sein, die Wahrheit des Charakters unsers Helden deswegen in Verdacht zu ziehen, weil es öfters unwahrscheinlich ist, daß jemand so gedacht oder gehandelt habe, wie er. Wenn es unmöglich sein wird, zu beweisen, daß ein Mensch, und ein Mensch unter den besondern Bestimmungen, unter welchen sich Agathon von seiner Kindheit an befunden, nicht so denken oder handeln könne, oder wenigstens es nicht ohne Wunderwerke, Einflüsse unsichtbarer Geister, oder übernatürliche Bezauberung hätte tun können: So glaubt der Verfasser mit Recht erwarten zu können, daß man ihm auf sein Wort glaube, wenn er positiv versichert, daß Agathon wirklich so gedacht oder gehandelt habe. Zu gutem Glücke finden sich in den beglaubtesten Geschichtschreibern, und schon allein in den Lebensbeschreibungen des Plutarch Beispiele genug, daß es möglich sei, so edel, so tugendhaft, so enthaltsam, oder, nach der Sprache des Hippias, und einer ansehnlichen Klasse von Menschen zu reden, so seltsam, so eigensinnig und albern zu sein als es unser Held in einigen Gelegenheiten seines Lebens ist.

Man hat an verschiedenen Stellen des gegenwärtigen Werks die Ursachen angegeben, warum man aus dem Agathon kein Modell eines vollkommen tugendhaften Mannes gemacht hat. Da die Welt mit ausführlichen Lehrbüchern der Sittenlehre angefüllt ist, so steht einem jeden frei, (und es ist nichts leichters) sich einen Menschen einzubilden, der von der Wiege an bis ins Grab, in allen Umständen und Verhältnissen des Lebens, allezeit und vollkommen so empfindt, denkt und handelt, wie eine Moral. Damit Agathon das Bild eines wirklichen Menschen wäre, in welchem viele ihr eigenes erkennen sollten, konnte er, wir behaupten es zuversichtlich, nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist; und wenn jemand hierin andrer Meinung sein sollte, so wünschten wir, daß er uns (wenn es wahr ist, daß derjenige der Beste ist, der die besten Eigenschaften mit den wenigsten Fehlern hat,) denjenigen nenne, der unter allen nach dem natürlichen Lauf Gebornen, in ähnlichen Umständen, und alles zusammen genommen, tugendhafter gewesen wäre, als Agathon.

Es ist möglich, daß irgend ein junger Taugenichts, wenn er siehet, daß ein Agathon den reizenden Verführungen der Liebe und einer Danae endlich unterliegt, eben den Gebrauch davon machen kann, welchen der junge Chärea beim Terenz von einem Gemälde machte, welches eine von den Schelmereien des Vater Jupiters vorstellte,—und daß er, wenn er mit herzlicher Freude gelesen haben wird, daß ein so vortrefflicher Mann habe fallen können, zu sich selbst sagen mag: Ego homuncio hoc non facerem? ego vero illud faciam ac lubens.

Es ist eben so möglich, daß ein übelgesinnter oder ruchloser Mensch, den Diskurs des Sophisten Hippias lesen, und sich einbilden kann, die Rechtfertigung seines Unglaubens und seines lasterhaften Lebens darin zu finden: Aber alle rechtschaffnen Leute werden mit uns überzeugt sein, daß dieser junge Bube, und dieser ruchlose Freigeist beides gewesen und geblieben wären, wenn gleich keine Geschichte des Agathon in der Welt wäre.

Dieses letztere Beispiel führt uns auf eine Erläuterung, wodurch wir der Schwachheit gewisser gutgesinnter Leute, deren Wille besser ist, als ihre Einsichten, zu Hülfe zu kommen, und sie vor unzeitig genommenem ärgernis oder ungerechten Urteilen zu verwahren, uns verbunden glauben. Wir gestehen gerne, daß wir in das Bewußtsein der Redlichkeit unsrer Absichten eingehüllt, nicht daran gedacht hätten, daß diese Sorgfalt nötig wäre, wenn uns nicht die Anmerkung stutzen gemacht hätte, welche einer unsrer Freunde, ohne unser Vorwissen, auf der Seite pag. 58, unter den Text zu setzen, gut befunden.

Diese Erläuterung betrifft die Einführung des Sophisten Hippias in unsere Geschichte, und den Diskurs, wodurch er den Agathon von seinem liebenswürdigen und tugendhaften Enthusiasmus zu heilen, und zu einer Denkungsart zu bringen hofft, welche er nicht ohne guten Grund für geschickter hält, sein Glück in der Welt zu machen. Leute, die aus gesunden Augen gerade vor sich hin sehen, würden ohne unser Erinnern aus dem ganzen Zusammenhang unsers Werkes, und aus der Art, wie wir bei aller Gelegenheit von diesem Sophisten und seinen Grundsätzen reden, ganz deutlich eingesehen haben, wie wenig wir dem Mann und dem System günstig sind; und ob es sich gleich weder für unsere eigene Art zu denken, noch für den Ton und die Absicht unsers Buches geschickt hätte, mit dem heftigen Eifer gegen ihn auszubrechen, welcher einen jungen Magister treibt, wenn er, um sich seinem Consistorio zu einer guten Pfründe zu empfehlen, gegen einen Tindal oder Bolingbroke zu Felde zieht: So hoffen wir doch bei vernünftigen und ehrlichen Lesern keinen Zweifel übrig gelassen zu haben, daß wir den Hippias für einen schlimmen und gefährlichen Mann, und sein System, (in so fern es den echten Grundsätzen der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) für ein Gewebe von Trugschlüssen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde richten würden, wenn es moralisch möglich wäre, daß der größere Teil der Menschen damit angesteckt werden könnte. Wir glauben also vor allem Verdacht über diesen Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern ehrliche Leute sein können, welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit Schuld geben, und davor halten möchten, daß wir diesen Hippias entweder gar nicht einführen, oder wenn dieses der Plan unsers Werkes ja erfodert hätte, seine Lehrsätze ausführlich hätten widerlegen sollen: So sehen wir für billig an, ihnen die Ursachen zu sagen, warum wir das erste getan, und das andere unterlassen haben.

Weil nach unserm Plan der Charakter unsers Helden auf verschiedene Proben gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend erläutert, und dasjenige, was darin übertrieben, und unecht war, nach und nach abgesondert würde; so war es um so viel nötiger ihn auch dieser Probe zu unterwerfen, da Hippias, bekannter maßen, eine historische Person ist, und mit den übrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis der Sitten unter den Griechen beigetragen hat. überdem diente er den Charakter und die Grundsätze unsers Helden durch den Kontrast, den er mit selbigen macht, in ein desto höheres Licht zu setzen. Und da es mehr als zu gewiß ist, daß der größeste Teil derjenigen, welche die große Welt ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach seinen Grundsätzen handelt; so war es auch in dem Plan der moralischen Absichten, welche wir uns bei diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was für einen Effekt diese Grundsätze machen, wenn sie in den gehörigen Zusammenhang gebracht werden. Und dieses sind die hauptsächlichsten Ursachen, warum wir diesen Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich war, und als seine Brüder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des Agathon eingeflochten haben.

Eine ausführliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsätzen irrig und gefährlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) wäre in Absicht unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch in Absicht der Leser überflüssig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm Agathon gibt, das beste enthält, was man dagegen sagen kann; sondern auch das ganze Werk (wie einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das Ganze wird übersehen können) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist. Agathon widerlegt den Hippias beinahe auf die nämliche Art wie Diogenes den Sophisten, welcher leugnete, daß eine Bewegung sei: Diogenes ließ den Sophisten schwatzen, so lang er wollte; und da er fertig war, begnügte er sich vor seinen Augen ganz gelassen auf und ab zu gehen. Dieses war unstreitig die einzige Widerlegung, die er verdiente.

Wir würden dem zweiten Teile, dessen Ausgabe von der Aufnahme des ersten abhangen wird, den Vorteil der Neuheit und den Lesern zu gleicher Zeit ein künftiges Vergnügen rauben, wenn wir den Inhalt desselben vor der Zeit bekannt machten. Genug, daß man unsern Helden in der Folge in eben so sonderbaren und interessanten Umständen und Verwicklungen sehen wird, als in dem ersten Teil. Alles, was wir vorläufig von der Entwicklung sagen können, ist dieses: daß Agathon in der letzten Periode seines Lebens, welche den Beschluß unsers Werkes macht, ein eben so weiser als tugendhafter Mann sein wird, und (was uns hiebei das beste zu sein deucht, ) daß unsre Leser begreifen werden, wie und warum er es ist; warum vielleicht viele unter ihnen, weder dieses noch jenes sind; und wie es zugehen müßte, wenn sie es werden sollten.

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—

danke fürs Lesen

Geschichte des Agathon. Teil 1 von Christoph Martin Wieland. Der Text ist in den USA gemeinfrei, digitalisiert von den Freiwilligen von Project Gutenberg. Wir liefern ihn aus unserer eigenen Kopie aus.

tale.fyi