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Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
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1920
Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig
91.–110. Auflage der deutschen Gesamtausgaben. Die Illustrationen sind nach Scherenschnitten von Margarete Schreiber. Die Buchausgabe ohne Illustrationen ist im gleichen Verlag zum Preise von 5 Mark gebunden erschienen
- Die schwedische Ausgabe
bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund - Die finnische Ausgabe
bei Werner Söderström Osakeyhtiö Powvoo, Suomi - Die holländische Ausgabe
im Verlag »Patria«, Amersfoort - Die dänische Ausgabe
bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen
Copyright 1919 by Schuster & Loeffler, Berlin
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Kapitelfolge
| Seite | ||
| I. Kapitel: | Die Waldwiese | 9 |
| II. Kapitel: | Die Ankunft des Elfen | 19 |
| III. Kapitel: | Die Frühlingsnacht | 34 |
| IV. Kapitel: | Wiesenleute | 46 |
| V. Kapitel: | Der Tod der Eiche | 56 |
| VI. Kapitel: | Von den Engeln | 61 |
| VII. Kapitel: | Hassans Kampf mit Ala | 72 |
| VIII. Kapitel: | Die Winde | 86 |
| IX. Kapitel: | Die Lerche | 95 |
| X. Kapitel: | Assap und Jen | 102 |
| XI. Kapitel: | Ukus Nacht mit dem Elfen | 122 |
| XII. Kapitel: | Traule | 133 |
| XIII. Kapitel: | Der Maikäfer | 153 |
| XIV. Kapitel: | Das sterbende Kind | 167 |
| XV. Kapitel: | Der Fuchs | 176 |
| XVI. Kapitel: | Die Elfennacht | 202 |
| XVII. Kapitel: | Das Reich | 223 |
| XVIII. Kapitel: | Der Abschied | 252 |
Erstes Kapitel
Die Waldwiese
Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im Frühlicht. Seine Brust glänzte schwarz und golden, er war ein prächtiger Vogel.
Unten am Traulenbach, der unter der Linde dahinfloß, lief Onna, die Bachstelze, im Sand am Wasser dahin zwischen den jungen Trieben des Schilfs.
»Hallo!« rief Kuno, »hören Sie auf zu wippen, Madame, ich bin angekommen, verstehen Sie? Es wird Frühling!«
Die Bachstelze machte halt und sah hinauf.
»Ach so, ein Star,« sagte sie, »Stare gibt’s genug.«
»Aber wenige, wie ich einer bin! Übrigens bin ich erst kürzlich angekommen, eigentlich zu früh, verstehen Sie?«
»Ich versteh schon«, gab Onna zurück. »Sie wollen doch nicht etwa hier nisten?«
»Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen, oder gar in Ihrer Nähe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir gleich gedacht, daß Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens still. Mein Gott, ist das ein Tag!«
»Sie sind einfach unverschämt«, sagte Onna ärgerlich.
»Ach, denken Sie sich,« rief Kuno erstaunt, »das haben verschiedene Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie solch ein Gerücht hat aufkommen können. Die Leute sind heutzutage geradezu auf böse Nachrichten aus. Merkwürdig. Aber ein Tag ist das heute, nicht wahr?«
»Meinetwegen«, meinte Onna und wollte weiter.
»Warten Sie,« rief der Star, »und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja kein Wesen zu vernünftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den Frühling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwätzig ihr Waldvögel werdet, wenn kaum einmal etwas Frühlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir, er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich könnte mich totlachen über solche Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ändern, und dann flog er auf den Misthaufen zurück, der Goldspatz, verstehen Sie?«
»Soll er Sie etwa um Erlaubnis fragen?«
»Der Schlehdorn blüht schon,« sagte der Star nachdenklich, »haben Sie einmal mitten in diesem reinen Blütenlicht gesessen, so recht mitten darin, womöglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel. Doch jetzt halten Sie mich nicht länger auf, ich muß fort.«
Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade über die Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner dürrer Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die noch nicht erwacht waren.
Die Bachstelze wollte sich zuerst noch längere Zeit ärgern, aber dann dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter Frühlingstag. Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über die Waldwiese zog. »Erdgeruch, Veilchen und Tau,« sagte sie, »und dabei eine Frische, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht durch den ganzen Körper bis in die Flügelspitzen spürte.«
Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte bachaufwärts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der Primeln.
**
*
Bald darauf stieg die Morgensonne am Frühlingshimmel empor, und die Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der kühl und unsichtbar, nach Windesart, aus den Zweigen der großen Linde niederzusinken schien. Die Gräser wurden wach, fröstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen, die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die Nachricht unter den Erwachenden, daß es ein heller Sonnentag werden sollte.
Man muß nun wohl bedenken, daß ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet als den Menschen, denn das Leben der meisten ist kürzer bemessen, als das der großen lebendigen Geschöpfe, es gibt unter ihnen sogar viele, die nur einen Tag lang blühen, sie erwachen in der Frühe, entfalten ihr Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist das Ende ihres Frühlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen, welche länger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschönste Zeit sind die Tage, in welchen sie blühen.
Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frühlingstag ist, an der Art, wie glücklich eine ältere Gänseblume sich langsam gegen das Licht aufrichtete und zurückgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte überwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als tränke ein durstiges Wesen in vollen Zügen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von ihrer Art waren, den Morgengruß der Blumen zu:
bitten Gottes Segen,
daß uns Sonne, Tau und Wind
heute finden mögen.
deinen Strahlen offen,
wie auf deine Herrlichkeit
alle Wesen hoffen
Tau aus deinen Schwingen,
wiege unser Leben lind,
laß den Tag gelingen.
Es will hier gesagt sein, daß unter vielen Menschen die Meinung verbreitet ist, daß die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten. Das ist nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschöpfe der unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewiß nicht auf dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand zu Recht den Schluß ableiten, daß alle diese Geschöpfe sich nicht auf ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedürfen die Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und vor allem der Insekten, die einen großen und weitverzweigten Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprüche, Wünsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten Empfindungen, derer die Pflanzen fähig sind, auf wundervolle Art vermitteln.
Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschöpfe der Natur verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es muß daher gekommen sein, daß vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur lebten, daß sie den Pflanzen dankbarer waren für ihre Früchte, den Tieren für ihre Dienste und den Wäldern für das Obdach, das sie ihnen gewährten. So hörten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer Wohltäter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft. Wir müssen uns wohl hüten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur draußen kennen, werden gerne gestehen, daß der Sonnenschein über weiten Wiesen oder das Rauschen der Bäume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen und frei. Wer sähe aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der Menschen und der übrigen Geschöpfe der Natur geschlungen, und es ist nur unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen.
Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzähle, so übersetze ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der Menschen, bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres erfahren, als ich euch erzählen kann, denn es ist nun einmal so in der Welt bestellt, daß man von allem Schönen, das man erlebt, das Beste nicht sagen, sondern nur empfinden kann.
Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden, haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die tausendjährige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und Föhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener Ort, nur im Frühling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nähe dieser Waldwiese, wenn er seine Äcker besät oder pflügt, und alle Jahre vielleicht einmal ein Jäger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist ganz sicher.
So hatten die Tiere des Waldes, die Bäume, Pflanzen und Blumen auf der Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestört wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und den Regen, außer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hörten wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, daß an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen überhaupt jemals gesehen.
Zweites Kapitel
Die Ankunft des Elfen
Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und Ostern sein, als im Frühling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzücken versetzte. Es war an einem unbeschreiblich hellen Sonnenmorgen, das Land duftete vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, daß die Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte. Über den Primeln in der Lichtung und über den blauen Sternen der Leberblumen sang eine Grasmücke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr Kopf war voll Hingabe in das blaue Glänzen des Himmels erhoben, und es sah aus, als wäre sie ganz verzückt von Daseinslust. Ihr Lied klang unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrüns dahin, das von der Sonne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stämmen der Tannen ließ die Ruhe der Waldeinsamkeit die Töne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und fern, überall, wo es grün und hell war, zwitscherte und jubilierte es, kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhängen. Und über dem Frühlingsglück der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen ihre Gnadenbahn.
Es war ein Tag, ach, wer vermag so viel Überschwang zu fassen?! Überall blühte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine smaragdgrünen, dichten Wäldchen, und in den Baumwipfeln öffnete sich Blüte neben Blüte in der Sonnenfreiheit.
Als die Grasmücke, nachdem sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den Waldgrund niederließ, um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf sie den Maulwurf an einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen Höhlenbau.
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