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Das rote Zimmer
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(ricomincia)
Roman
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1919
Hyperionverlag / Berlin
Deutsch von Else von Hollander
Das Rote Zimmer
Erstes Kapitel
Stockholm aus der Vogelschau
Es war ein Abend Anfang Mai. Der kleine Park auf Mosebacke war für das Publikum noch nicht geöffnet, und die Beete waren noch nicht umgegraben; die Schneeglöckchen hatten sich durch die Laubansammlungen des Vorjahres hindurchgearbeitet und waren gerade im Begriff, ihre kurze Laufbahn abzuschließen, um den empfindlicheren Krokus Platz zu machen, die unter einem unfruchtbaren Birnbaum Schutz gesucht hatten; der Flieder wartete auf südliche Winde, um aufzublühen, aber die Linden boten den Buchfinken, die ihre mit Flechten bekleideten Nester zwischen Stamm und Ast zu bauen begonnen hatten, in ihren unaufgesprungenen Knospen noch Liebesdecken; noch hatte kein menschlicher Fuß die Kieswege betreten, seit der Schnee des letzten Winters verschwunden war, daher führten Tiere und Blumen ein sorgloses Leben in diesem Park. Die Spatzen sammelten allen möglichen Plunder, den sie dann unter den Dachpfannen der Navigationsschule versteckten; sie schleppten sich mit Stücken von den Raketenhülsen vom letzten Herbstfeuerwerk, sie lasen Strohhalme von den jungen Bäumen, die im Jahre vorher aus der Baumschule in Rosendal gekommen waren und — sie sahen alles! Sie entdeckten Mullfetzen in Lauben und holten auch wohl zwischen den Splittern eines Bankfußes Haarbüschel von Hunden hervor, die sich seit dem Josephinentage im vorigen Jahr nicht mehr hier gebalgt hatten. Das war ein Leben!
Die Sonne aber stand über Liljeholm und schoß ganze Strahlenbündel gen Osten; sie drangen durch die Rauchwolken von Bergsund, sie eilten über den Ritterfjord, kletterten zum Kreuz der Riddarholmskirche hinauf, warfen sich auf das steile Dach der Deutschen Kirche, spielten mit den Wimpeln der Boote an der Schiffsbrücke, illuminierten die Fenster im Zollgebäude, beleuchteten die Wälder von Lidingö und verschwammen in einer rosenfarbenen Wolke, weit weit in der Ferne, wo das Meer liegt. Und von dort kam der Wind und machte denselben Weg zurück über Vaxholm, vorbei an der Festung, vorbei am Zollamt, bis zur Siklainsel, drang in Hästholm ein und sah sich die Sommerfrischen an; kam wieder heraus, eilte weiter und gelangte nach Danvik, entsetzte sich und stürmte davon, am Südstrande entlang, spürte den Geruch von Kohle, Teer und Tran, prallte gegen den Stadthofkai, stürzte nach Mosebacke hinauf, in den Park und fuhr gegen eine Wand. Im selben Augenblick wurde die Wand aufgetan von einem Mädchen, das eben die Verkittung der Doppelfenster entfernt hatte; ein entsetzlicher Geruch von Bratfett, Bierresten, Tannenzweigen und Sägespänen drang heraus und wurde vom Winde weit fortgeführt, der jetzt, während die Köchin die frische Luft durch die Nase einzog, die Fensterwatte erfaßte, die mit Flimmer und Berberitzenbeeren und Heckenrosenblättern bestreut war und nun auf den Wegen des Gartens einen Rundtanz begann, an dem bald die Spatzen und Buchfinken teilnahmen, da sie nun ihre Wohnungssorgen zum größten Teil beseitigt sahen.
Unterdes setzte die Köchin ihre Arbeit an den Doppelfenstern fort, und nach wenigen Minuten war die Tür von der Kneipe nach der Veranda geöffnet, und in den Garten trat ein junger Herr, einfach aber vornehm gekleidet. Sein Gesicht hatte nichts Ungewöhnliches, aber in seinen Blicken lag etwas Besorgtes und Unruhiges, das allerdings verschwand, als er aus dem engen Wirtshauszimmer herauskam und den freien Horizont vor sich hatte. Er wandte sich nach der Windseite, knöpfte den Überzieher auf und holte ein paarmal tief Luft, was seinen Brustkorb und sein Gemüt zu erleichtern schien. Dann begann er an dem Geländer auf und ab zu gehen, das den Garten von dem steilen Seeufer trennte.
Tief unter ihm lärmte die eben erwachte Stadt; die Dampfkrane unten im Hafen schnurrten, die Eisenstangen in der Eisenwage rasselten, die Pfeifen der Schleusenwärter schrillten, die Dampfer an der Schiffsbrücke rauchten, die Omnibusse polterten klappernd über das holprige Pflaster; Lärm und Rufen auf dem Fischmarkt, draußen auf dem Strom flatternde Segel und Fahnen, Geschrei der Möwen, Hornsignale von Skeppsholm, das Herausrufen der Wache vom Södermalmsmarkt, klappernde Holzpantoffel der Arbeiter in der Glasfabrikstraße, — das alles machte einen Eindruck von Leben und Betriebsamkeit, der die Energie des jungen Mannes zu wecken schien, denn jetzt hatte sein Gesicht einen Ausdruck von Trotz und Lebenslust und Entschlossenheit angenommen, und als er sich über das Geländer beugte und auf die Stadt zu seinen Füßen niederblickte, war es, als betrachte er einen Feind; seine Nasenflügel weiteten sich, seine Augen flammten, und er hob die geballte Hand, als wolle er die arme Stadt herausfordern oder ihr drohen.
Jetzt läutete es sieben von Katrina, und Maria sekundierte mit ihrem milzsüchtigen Diskant, und die Große Kirche und die Deutsche fielen mit ihren Bässen ein, und die ganze Luft hallte bald von allen Abendglocken der Stadt; aber als eine nach der andern verstummte, hörte man noch weit in der Ferne die letzte ihr friedvolles Abendlied singen; sie hatte einen höheren Ton, einen reineren Klang und ein rascheres Tempo als die andern — das hat sie wirklich! Er lauschte und suchte festzustellen, woher der Klang kam, denn er schien Erinnerungen in ihm zu wecken. Da wurden seine Mienen weich, und sein Gesicht drückte den Schmerz aus, den ein Kind empfindet, wenn es sich allein gelassen sieht. Und er war allein, denn sein Vater und seine Mutter lagen auf dem Klarakirchhof, von wo man noch die Glocke hörte, und er war ein Kind, denn er glaubte noch an alles, an wahre Dinge wie an Märchen.
Die Glocke von Sankta Klara verstummte, und er wurde durch das Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg aus seinen Gedanken gerissen. Auf ihn zu kam von der Veranda her ein kleiner Mann mit großem Backenbart und einer Brille, die mehr die Blicke als die Augen schützen zu sollen schien, mit einem boshaften Munde, der gern einen freundlichen, ja sogar gutmütigen Ausdruck annahm, einem eingebeulten Hut, einem sauberen Überzieher mit defekten Knöpfen, auf Halbmast gehißten Hosen und einem Gang, der Sicherheit und Scheu zugleich andeutete. Sein Äußeres war so unbestimmt, daß man unmöglich seine gesellschaftliche Stellung oder sein Alter danach abzuschätzen vermochte. Man konnte ihn ebensogut für einen Handwerker wie für einen Beamten halten, und er schien zwischen neunundzwanzig und fünfundvierzig Jahren zu sein. Jetzt schien er sich jedoch von der Gesellschaft des Herrn, dem er entgegenging, geschmeichelt zu fühlen, denn er zog ungewöhnlich rief den verbogenen Hut und steckte sein gutmütigstes Lächeln auf.
»Sie haben doch nicht gewartet, Herr Assessor?«
»Nicht einen Augenblick. Eben hat die Uhr sieben geschlagen. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn ich muß gestehen, daß diese Zusammenkunft von größter Wichtigkeit für mich ist; es gilt sozusagen meine Zukunft, Herr Struve.«
»Kreuzdonnerwetter!«
Herr Struve blinzelte mit den Augenlidern, denn er hatte sich nur auf einen Grogabend gefaßt gemacht und hatte — aus guten Gründen — wenig Lust zu einer ernsten Unterhaltung.
»Damit wir besser miteinander reden können,« fuhr der Assessor fort, »wollen wir uns hier draußen hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, und einen Grog trinken.«
Herr Struve zupfte an dem rechten Bartzipfel, drückte vorsichtig den Hut auf den Kopf und dankte für die Einladung, blieb aber unruhig.
»Erstens muß ich Sie bitten, mich nicht mehr Assessor zu titulieren,« begann der junge Herr das Gespräch, »denn das bin ich nie gewesen; ich war nur außerordentlicher Hilfsarbeiter, und das hat mit heute ein Ende; ich bin nur noch Herr Falk.«
»Was sagen Sie?«
Herr Struve sah aus, als habe er eine vornehme Bekanntschaft eingebüßt, blieb aber bei guter Laune.
»Sie sind doch ein Mann mit liberalen Ideen ...«
Herr Struve versuchte zu Wort zu kommen, um eine längere Rede zu halten, aber Falk fuhr fort:
»Ich habe Sie um eine Unterredung gebeten in Ihrer Eigenschaft als Mitarbeiter des freisinnigen ›Rotkäppchens‹.«
»Aber um Gottes willen, ich bin ein so unbedeutender Mitarbeiter ...«
»Ich habe Ihre donnernden Artikel in der Arbeiterfrage und in allen andern Fragen gelesen, die uns am Herzen liegen. Wir sind jetzt im Jahre III, mit römischen Ziffern, denn jetzt tritt die neue Volksvertretung im dritten Jahre zusammen, und wir werden bald unsere Hoffnungen verwirklicht sehen. Ich habe im ›Bauernfreund‹ Ihre vortrefflichen Biographien der führenden Politiker gelesen, dieser Männer aus dem Volke, die endlich vorbringen dürfen, was ihnen so lange schwer auf der Seele gelegen hat; Sie sind ein Mann des Fortschritts, und ich schätze Sie sehr!«
Struve, dessen Blick bei der feurigen Rede erloschen war, statt sich zu beleben, machte sich die blitzableitende Äußerung zunutze und ergriff mit Eifer das Wort.
»Ich muß gestehen, es ist mir eine wirkliche Freude, von einem jungen und — das darf ich wohl sagen — hervorragenden Manne, wie Sie es sind, Herr Assessor, eine Anerkennung zu hören, anderseits aber, warum wollen wir über Dinge sprechen, die allzu ernster, um nicht zu sagen trauriger Natur sind, wo wir hier draußen im Schoße der Natur sitzen, heute, am ersten Frühlingstag, wo alles in Knospen steht und die Sonne ihre Wärme in der ganzen Natur verbreitet; lassen Sie uns sorglos sein und unser Glas in Frieden trinken. Verzeihung, aber ich glaube, ich bin das ältere Semester — und — wage — deshalb vielleicht vorzuschlagen ...«
Falk, der wie ein Feuerstein ausgegangen war, um Stahl zu suchen, merkte, daß er in Holz gehauen hatte. Er nahm das Anerbieten ohne Wärme an. Und da saßen nun die neuen Brüder und hatten sich nichts zu sagen außer der Enttäuschung, die ihre Gesichter ausdrückten.
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