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Inhalt
  1. INHALT.
  2. I. AUSFAHRT.
  3. II. IM NÖRDLICHEN ATLANTISCHEN OZEAN.
  4. III. IM SÜDLICHEN ATLANTISCHEN OZEAN.
  5. IV. IM INDISCHEN OZEAN.
  6. V. ANKUNFT IN NEUSEELAND UND QUARANTÄNE.
  7. VI. WELLINGTON.
  8. VII. VON WELLINGTON NACH OHINEMUTU.
  9. VIII. OHINEMUTU UND ROTOMAHANA.
  10. IX. VON OHINEMUTU NACH AUCKLAND.
  11. X. AUCKLAND UND THAMES GOLDFIELDS.
  12. XI. VON AUCKLAND NACH KANDAVU.
  13. XII. WAILEVU.
  14. XIII. GAVATINA UND SANIMA.
  15. XIV. BESUCH IN WAIDULE.
  16. XV. BESTEIGUNG DES BUKELEVU.
  17. XVI. LETZTE TAGE AUF KANDAVU.
  18. XVII. VON KANDAVU NACH HONOLULU.
  19. XVIII. HONOLULU.
  20. XIX. VON HONOLULU NACH HILO.
  21. XX. BESTEIGUNG DES KILAUEA.
  22. XXI. VON HILO NACH HONOLULU.
  23. XXII. LETZTE TAGE IN HONOLULU.
  24. XXIII. VON HONOLULU NACH SAN FRANCISCO.
  25. XXIV. SAN FRANCISCO.
  26. XXV. VON SAN FRANCISCO NACH SALT LAKE CITY.
  27. XXVI. VON SALT LAKE CITY NACH NEW YORK.
  28. XXVII. HEIMKEHR.
  29. INDEX.
  30. In J. U. Kern's Verlag (Max Müller) in Breslau sind erschienen:
  31. Hinweise zur Transkription
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Reise durch den Stillen Ozean

Max Buchner

kostenlos · 150.542 Wörter · Hörbuch (22 Std. 57 Min.), gelesen von Claus Misfeldt für LibriVox

Text von Project Gutenberg

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Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.

INHALT.

Seite
I. Ausfahrt 1
  Einschiffung und Abschied. Die Elbe hinab. Zänkereien und trübe Auspizien. Gefahr einer Kollision. Sturm und Orkan. Todesangst im Zwischendeck. Alles kaput geschlagen. Hannes, der seekranke Kajütsjunge. Gefahr zu scheitern. Der Nordsee glücklich entronnen.
II. Im Nördlichen Atlantischen Ozean 20
  Ungünstige Winde und Windstille. An Madera und an den Kapverden vorbei. Schiffsleben und Zänkereien. Nationale Gegensätze. Kindstaufen, Geburtshilfe auf See und ein zärtlicher Gatte. Die Polakei in Aufruhr. Das gestohlene Salzfleisch. Zoologische Belustigungen. Schleppnetzbeute. Fliegende Fische. Vergebliches Harpuniren. Haifischfang. Korrespondenz mit anderen Schiffen. Besuch auf einem Portugiesen. Unsicherheit in der Nautik.
III. Im Südlichen Atlantischen Ozean 46
  Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha. Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige Aussichten.
IV. Im Indischen Ozean 57
  Um das Kap herum. Segeln vor dem Sturm. Die Crozet Islands. Unsere Typhusepidemie steigt. Gedrückte Stimmung. Zur Naturgeschichte der Seeleute. Albatrosse und sonstige Vögel. Ventilationseigenthümlichkeiten.
V. Ankunft in Neuseeland und Quarantäne 68
  Zum ersten mal Grund. Neuseeland erscheint. Die ersten Zeitungen. Ankunft des Lootsen. Der Anker fällt. Pulverunglück. Die Hafenbehörde. Sturm und Landungsschwierigkeiten. Bewegtes Dasein. Aufruhr der Elemente und der Menschen. Mitternächtige Todtenbestattung. Ruhigere Zeit. Die idyllische Insel. Ueberall »Billig und schlecht«. Zoologisches. Endlich frei.
VI. Wellington 87
  Erste Eindrücke. Lage der Stadt. Sehenswürdigkeiten. Das Museum, der botanische Garten, das Athenäum, der Gerichtshof. Allgemeines über Neuseeland. Der Königin Geburtstag. Die Maoris. Mortalität auf Auswanderersegelschiffen.
VII. Von Wellington nach Ohinemutu 96
  Ein Neuseeländischer Urwald. Die Post und ihre Gefahren. Pahantanui, Otaki und Foxton. Neuseeländische Eisenbahngemüthlichkeit und ein eisenbahnfiebriger Maori. Die Manuwatu Gorge und der Seventy Miles Busch. Palmerston, Waipakarao und Waipawa. Die Repudiation Office von Te Aute. Ein Tag in Napier. Farnhügellandschaft. Tarawera und seine Soldateska. Kaliban in der Wildniss. Opipi. Ein Tag in Tapuacharuru. Mister Jack the Guide of Taupo. Nächtlicher Skandal.
VIII. Ohinemutu und Rotomahana 126
  Die heissen Quellen und ihre Verwendung. Ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung. Legende von der schönen Hinemoa. Maorialterthümer. Ausflug nach Wakarewarewa. Das Labyrinth der Schmutzvulkane. Die Geyser. Der missglückte Haka. Ein interessantes liederliches Kleeblatt. Ausflug nach Rotomahana. Wairoa und seine internationalen Wegelagerer. Stürmische Kanuufahrt über den Tarawera. Streitigkeiten mit den Maoris. Ueberall kocht das Verderben. Ungemüthliche Nacht. Tetarata und Otukapuarangi. Mister Davis und seine Singschule.
IX. Von Ohinemutu nach Auckland 159
  Abschied. Pokohorungi und der Oropibusch. Maoriskulpturen. Eine misstrauische Waldfamilie. Der Sergeant Apro Pioaro und seine Gattin Mangorewa. Tauranga. Reges Leben und Nasendrücken. Abermals ein Stück Neuseeländischer Bummelei. Der Dampfer Rowena. Mercury. Ankunft in Auckland.
X. Auckland und Thames Goldfields 171
  Sehenswürdigkeiten. Das Northshore. Die Regenzeit hält ihren Einzug. Fahrt nach den Thames Goldfields. Goldgewinnungsprozess. Die Minen und der Schacht der United Pumping Association. Stürmische Rückkehr. Zwei vornehme Maoridamen vom Lande. Auf den Mount Eden. Die King Country und die Abolitionists. Reiseprojekte.
XI. Von Auckland nach Kandavu 187
  Die Pacific Mail. Auf der City of San Francisco eingeschifft. Beschreibung des Dampfers und seiner Attribute. Aeusserer Glanz und innere Dürftigkeit. Die chinesischen Mahlzeiten. Gang der Reise und Wetter. Der vierte Juli. Reiseplanzweifel.
XII. Wailevu 195
  Allgemeines über Viti. Ankunft in Kandavu. Herrn Kleinschmidt kennen gelernt. Gepäckschwierigkeiten. Meine ersten echten Wilden. Das Hotel von Wailevu und seine Eigenthümlichkeiten. Drei junge Flibustier mit trüben Aussichten. Eine interessante Tischgesellschaft. Besuch beim Doktor. Kawa-Gelage. Zauberhafte Tropennacht.
XIII. Gavatina und Sanima 214
  Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta. Bootfahrt an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser idyllisches Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui und die Marama. Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und seine Thierwelt. Kanuubau hoch oben auf dem Berge. Riffleben und Fischfang. Spaziergang nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und seine Kopra-Projekte. Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen auf den Inseln. Kehrseiten der Tropenpracht. Klimatisches und Kulinarisches. Die Kokospalme und ihre Anwendungen. Enge Verhältnisse.
XIV. Besuch in Waidule 261
  Begegnung mit dem Tui. Ein Mangrovesumpf und seine Freuden. Tauben und Mimosen. Nachtlager in Wunokene. Fliegende Hunde. Rabuelu. Entzückende Rundsichten. Taropflanzungen. Kawa-Gelage in Soso. Nachtlager in Go Kandavu. Ein Meke Meke. Ankunft bei Charly. Rasch ab nach Wailevu. Ungemüthliche Bootfahrt. Heimkehr.
XV. Besteigung des Bukelevu 281
  Landung in Dangai. Mandrai und Arrowroot. Improvisirte Naturalienhändler. Ausflug nach Dalingele. Tonganer. Festessen und Kawa-Gelage. Ein schwindsüchtiger Häuptling. Die heissen Quellen. Unfall und Nothzucht. Mühseligkeiten des Bukelevu. Hungersnoth und Kälte. Abstieg. Schneckenfrühstück in Lomadsche. Sonntagstoilette der Insulanerinnen.
XVI. Letzte Tage auf Kandavu 305
  Mit dem Kutter nach Namalatta. Ein kleiner Albino. Festgäste von Tavuki. Wieder im Hotel zu Wailevu. Packerei und Einkäufe. Der Regierungshäuptling. Ankunft der Zealandia und Gerichtsverhandlung. Das Inselchen Angaloa.
XVII. Von Kandavu nach Honolulu 312
  Gang der Reise. Abermals die schmähliche Knauserei der Pacific Mail Steam Shipping Company. Der Obersteward und sein Servirreglement. Die Aequatorkalmen. Die Passagiergesellschaft. Ausflüsse der Langweile. Zwei Bonzen englischer Rasse.
XVIII. Honolulu 322
  Ankunft. Wieder der Reverend Mister Shark. Erste Eindrücke von Honolulu. Geschichtliches, Ethnologisches und Erotisches. Sehenswürdigkeiten. Die Regierung, das Parlament, das Militär. Amerikanerthum und Deutschthum. Die Chinesen. Klima und Sanität. Die Leprosen. Der Fischmarkt. Die Umgebung. Ritt nach dem Pali.
XIX. Von Honolulu nach Hilo 344
  Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere weibliche Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow Fall.
XX. Besteigung des Kilauea 357
  Wilder Ausritt. Das Halfway House zu Olaa. Der Krater thut sich auf. Das Volcano Hotel und seine Vorzüge. Besuch des kochenden Lavakessels. Mondschein und Hölle. Beschwerlicher Abstieg nach Puna. Erstarrte Lavaströme und eingestürzte Lavadome. Kapitän Eldart und sein Gehöft Kapoho. Die warmen Quellen. Awa und Brotfrucht. Glücklich wieder in Hilo.
XXI. Von Hilo nach Honolulu 376
  Eine seltsame Todtenfeier. Kapitän Spencer und seine Zuckersiederei. Der Kilanea kommt nicht. Ein Hawaiisches Souper und Abschied von Hilo. Nächtliche Bootfahrt nach Kohala. Konflikt mit dem Sabath und abermals fort. Landung auf Maui. Ein interessanter Mann der Presse. Der Bäcker von Lahaina. Stürmisches Wetter. Endlich in Honolulu.
XXII. Letzte Tage in Honolulu 393
  Das Walboot und der Stadtklatsch der Honoluluianer. Audienz beim König. Festliche Zurüstungen. Bad im Kapena. Tanzvergnügen. Der Deutsch-englische Klub. Besuch verschiedener Kirchen. Die Missionäre.
XXIII. Von Honolulu nach San Francisco 400
  Abschied von den glücklichen Inseln. Die Zealandia und ihre Gesellschaft. Unsere schöne Helena, der alte Schiffsdoktor und eine interessante Geschäftsreisende. Langweile und Kriegsgerüchte. Ankunft des Lootsen. Das Goldene Thor.
XXIV. San Francisco 408
  Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel. Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu Henn Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie. Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen Genüsse. Ground Squirrels.
XXV. Von San Francisco nach Salt Lake City 429
  Auf der Pacific Bahn. Die Sierra Nevada. Ein phänomenales landschaftliches Scheusal und ein überschwengliches Guidebook. Indianer. Die Mormonenstadt, das Tabernakel und das Mormonenthum. Eine Versammlung der Heiligen des jüngsten Tages. Ausflug nach Lake Point und Bad in dem grossen Salzsee. Camp Douglas.
XXVI. Von Salt Lake City nach New York 448
  Frömmigkeit und Prellerei. Emigrantenzüge. Die Prairien. Omaha. Eine unangenehme Nacht. Präsidentenwahl zum Zeitvertreib. Niagara Fall und Stadt. Das Amerikanische und das Kanadische Ufer. Praktischer Sinn der Niagarenser. Herbstliche Färbung.
XXVII. Heimkehr 460
  Die Centennial Exhibition in Philadelphia. Abschied von New York. Ankunft in England und Landung In Liverpool. Sonntagsöde. Auffahrt des Mayors. Ueber London nach Hamburg.

I.
AUSFAHRT.

Einschiffung und Abschied. Die Elbe hinab. Zänkereien und trübe Auspizien. Gefahr einer Kollision. Sturm und Orkan. Todesangst im Zwischendeck. Alles kaput geschlagen. Hannes, der seekranke Kajütsjunge. Gefahr zu scheitern. Der Nordsee glücklich entronnen.

Aus Reiselust war ich Schiffsarzt geworden. Der Drang in die Ferne hatte mich veranlasst, auf Postdampfern siebenmal zwischen Europa und Amerika hin und her zu fahren. Derselbe Drang hatte mich in die emporkeimende deutsche Marine getrieben, von dieser jedoch mir nur die ganze Misere eines anderthalbjährigen Aufenthalts in jenem traurigsten Erdenwinkel, so Jadegebiet heisst, und die Freuden und Leiden eines dreimonatlichen Uebungsgeschwaders zu Theil werden lassen.

Ich konnte allerdings gewiss sein, mit meinen Seereisen manchem Binnenländer, der Zeit seines Lebens von einer Spritztour nach Helgoland bramarbasirt, imponiren zu können, ich war aber noch nicht befriedigt und verlangte nach mehr.

Es gereichte mir somit zur grössten Freude, als sich Gelegenheit bot, auf einem Segelschiff mit Auswanderern nach Neuseeland zu gehen. Viele meiner Freunde erschraken zwar vor dem Wort Segelschiff, in welchem sich ihnen nicht ganz unrichtig der Inbegriff von Widerwärtigkeiten und Lebensgefahren, von Seemannsrohheit und Passagiergesindel, von Zwieback und Salzfleisch konzentrirte. Mir war es jedoch gerade darum zu thun, einmal eine richtige Reise übers Meer zu unternehmen, nur den Winden als fortbewegenden Kräften mich anvertrauend, und ohne das lästige Gepolter der Dampfmaschinen von schwellenden Segeln gezogen dahin zu schweben.

Am Morgen eines 15. Novembers bestieg ich zu Hamburg die Euphrosyne, ein grosses und schweres Vollschiff von über 1000 Registertonnen. Nachmittags kamen die 397 Passagiere an Bord, und in der Nacht sollten wir mit Eintritt des Hochwassers die Elbe hinabgehen.

Das ganze bunte Tohuwabohu des Einschiffungsprozesses von Auswanderern zog wieder an mir vorüber. Mächtige Kisten und Bündel von Bettzeug, Proviantmassen und klapperndes Blechgeschirr, schreiende Männer und kreischende Weiber, ungezogene Jungen und winselnde Säuglinge füllten das mit herbstlichem Strassenschmutz überzogene Deck. Unter dem unerlässlichen heulenden Gesang der Matrosen, auf den diese ungraziöse Menschensorte um so stolzer ist, je abscheulicher er klingt, flog das Gepäck hinab in den Lastraum, Befehle brüllende Offiziere und die Plätze vertheilende Agenten rannten hin und her. Takler arbeiteten noch eifrig in den Wanten und auf den Raaen an der Vollendung des Tauwerks, ein Brahm lag längsseits und pumpte geschäftig Wasser in die im Bauch des Schiffes ruhenden Wasserfässer.

Nachdem ich mich vorschriftsmässig überzeugt, dass keine Krankheiten eingeschmuggelt worden waren, eilte ich, diesem unerquicklichen Durcheinander zu entrinnen und flüchtete an Land, zum letzten mal für lange Zeit feste Erde zu treten, meine Freunde nochmal zu sehen und von ihnen Abschied zu nehmen. Erst spät kehrte ich an Bord zurück, wo mittlerweile eine wohlthätige Stille eingetreten war. Friedliche Schnarchtöne drangen durch die offenen Lucken des Zwischendecks herauf, und nur der schwere Tritt des wachehabenden Matrosen unterbrach störend die nächtliche Ruhe. Gott Morpheus umfing mich, und als ich erwachte, glitten wir, von einem kleinen vorgespannten Dampfer gezogen, die Elbe hinab.

Düstere graue Nebelmassen verhüllten die alte Hansestadt hinter uns und liessen kaum die Umrisse der Thürme erkennen, ein feiner Regen bedeckte die Landschaft und erleichterte nicht unwesentlich die Trennung von den auch bei schönerem Wetter nur bescheidenen Ansprüchen genügenden Ufern des Vaterlandes. Uebernächtige Gestalten trieben sich missmuthig und sehnsüchtig den Morgenkaffe erwartend auf dem nassen und schmutzigen Deck umher. Hinten auf der Kajüte stand der Lootse, griesgrämig den steuernden Matrosen scheltend, vorne spie der kleine Dampfer übellaunig schwarzen Kohlenqualm aus dem Schornstein und über das Schiff, welches er schleppen musste. So gings langsam dahin an ankernden Schiffen und Fischerkähnen vorbei. Möven zankten sich auf dem Wasser um den von der Ebbe weggeführten Schmutz des Hamburger Hafens, und vom flachen Gestade her blökte ärgerlich hie und da ein gelangweiltes Schaf.

Wir hatten, wie schon erwähnt, 397 Passagiere an Bord, welche in drei gesonderten Abtheilungen, nämlich die der einzelnen Männer, die der Familien und die der einzelnen Mädchen untergebracht waren. Unsere ganze Expedition ging auf Kosten des jungen Kolonialstaates Neuseeland, der seinen Einwanderern freie Ueberfahrt gewährt, wenn sie ausser Leumunds- und Gesundheitsattesten den Nachweis zu führen im Stande sind, dass sie Acker- oder Bergbau getrieben haben. Deutsche und Polen, Dänen, Norweger und Schweden bildeten die Mehrzahl. Die Mannigfaltigkeit der Idiome zu erhöhen, waren auch einige Böhmen und Italiener vorhanden. Ich war nicht nur Arzt – »Surgeon« dieser anmuthigen europamüden Schaar, sondern noch viel mehr – »Surgeon Superintendent.« Nicht nur die Krankenpflege war meine Aufgabe, sondern auch die Last der Regierung unserer Miniaturrepublik ruhte zum grössten Theil auf meinen verantwortlichen Schultern. Die Rechtspflege theilte ich mit dem Kapitän, die Sanitätspolizei, die Ueberwachung der Proviantvertheilung und die Ernennung von Subalternorganen gehörten zu meinen Obliegenheiten. Ein Schulmeister für die schulpflichtige Jugend, eine Matrone zur Beaufsichtigung der einzelnen Mädchen, vier Konstabler, welche bei den einzelnen Männern und bei den Familien für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen hatten, sämmtlich aus den Reihen der Passagiere gewählt und mit Bezahlung angestellt, waren die Werkzeuge meines Amtes. Die Passagiere auf den Auswandererschiffen nicht nur Neuseelands, sondern sämmtlicher sieben australischen Kolonien stehen hauptsächlich unter der Aufsicht der Aerzte, welche, von den Regierungen angestellt, die Interessen dieser und ihrer neuen Bürger gegen jene der Rheder und der Kapitäne, die manchmal nicht übereinstimmen, zu vertreten haben.

Das erste Ereigniss, welches mich in Anspruch nahm, war, dass die unverheiratheten Frauenzimmer sich in die Haare geriethen. Nationale Gegensätze, hie Dänemark, hie Deutschland nebst Annexen, bildeten die prädisponirenden Ursachen und die Vertheilung, respektive Aneignung der Lebensmittel das auslösende Moment des Kampfes. Dänemark, zwar in der Minderzahl aber desto resoluter vertreten, glaubte das empfangene Mittagsmahl, welches für alle zwanzig jungen Damen berechnet war, für sich allein behaupten zu dürfen, Deutschland, Böhmen und die Polakei remonstrirten dagegen, das kleine starrköpfige Dänemark blieb Sieger, Deutschland weinte, Böhmen und die Polakei kreischten.

So standen die Dinge, als ich um Intervention angegangen wurde. Mein Vermittlungsversuch hatte keinen Erfolg und fand nirgends Anklang. Die Däninnen verstanden mich nicht, und ich verstand jene nicht, die Deutschen aber ärgerten sich, dass ich nur mit Worten und nicht mit der Peitsche einschreiten wollte. Ich musste den Proviantmeister requiriren, welcher ein kurzes Ende machte, indem er Fleisch und Brot wegnahm, auseinander schnitt und beiden Parteien einzeln verabreichte. Dieser Modus blieb für die Folge beibehalten, und es kam im Jungfernzwinger – so heisst in der rauhen Seemannssprache für gewöhnlich das betreffende Kompartment – selten mehr zu ernsteren Konflikten wegen des Essens, wenn auch die Däninnen fortfuhren, über die anderen Völkerschaften die Nase zu rümpfen, die Deutschen noch oft weinten und die Polakinnen noch öfter kreischten.

Von allen Seiten kamen unaufhörlich Klagen an jenem ersten Tage der Reise. Es herrschte noch lange nicht die wünschenswerthe Ordnung, überall fehlte noch etwas, und Missverständnisse in Folge des Sprachen- und Dialektgewirres führten zu endlosen Streitigkeiten.

Ich konnte es dem Kapitän wahrlich nicht verdenken, dass er sehr schlecht aufgelegt war und schliesslich die Geduld verlierend jeden Passagier, der sich an ihn wandte, im Besonderen und die ganze Gesellschaft im Allgemeinen zu tausend Teufeln fluchte. Er hatte wichtigere Dinge im Kopf als die Unzufriedenheit des Familienvaters Krapülinski, welcher zu wenig Sauerkraut erhalten zu haben glaubte, oder die Wuth der schönen Amanda Christensen, die in Kopenhagen Modistin und eine sehr feine Dame gewesen war und jetzt mit einer ehemaligen Tändstickorfabrikarbeiterin in derselben Koje zusammenschlafen sollte. Er wusste nur zu gut, in welch unfertigem Zustand das Schiff in See ging. Man hatte zu spät mit der Ausrüstung desselben begonnen, und die Arbeiten waren in Folge dessen übereilt worden und unsolide ausgefallen.

Das Chronometer war zwar zur richtigen Zeit an Bord gekommen, aber der Uhrmacher hatte vergessen, die Gangkorrektion desselben mitzuschicken, eine Nachlässigkeit, die erst in Kuxhaven durch Telegramme gutgemacht werden konnte. Das Schiff musste zur bestimmten Zeit Hamburg verlassen. Denn jeder Tag des Aufschubs kostete dem Expedienten den Unterhalt der Passagiere. Die durch die Sparsamkeit des Rheders äusserst knapp bemessene, nur zwanzig Köpfe zählende Mannschaft war erst seit wenigen Tagen angemustert, aber schon jetzt zeigte sich, dass genug faule Subjekte sich in ihr befanden. Der Steuermann debutirte mit einem kolossalen Rausch, unter dessen Einfluss er so viel dummes Zeug beging, dass der Kapitän genöthigt war, ihn bis zur Wiederkehr der Nüchternheit einzusperren. Zwei Matrosen versuchten Krankheit zu schwindeln, einer war in Folge von Verletzung beim Ankerhieven wirklich arbeitsunfähig, und die meisten anderen arbeiteten so träge, dass man sich ärgern musste, wenn man ihnen zusah.

Solcher Art waren die Auspizien, welche den Beginn einer langen, gefährlichen und verantwortungsschweren Reise bezeichneten, der ersten, die der Kapitän selbständig unternahm, nachdem er bis vor Kurzem Steuermann der Euphrosyne gewesen war. Alles hing für ihn von einer glücklichen und schnellen Fahrt ab. Passirte ein Unglück, dauerte die Reise zu lang, oder kostete er seinem Rheder mehr Geld, als dieser wünschte, so war ihm nach der Rückkunft in Hamburg die Entlassung gewiss, und er selbst mit Weib und Kindern dem Elend preisgegeben, ein Schicksal, dem in der gegenwärtigen traurigen Zeit des Stillstandes von Handel und Verkehr und bei dem herrschenden grossen Missverhältniss zwischen Angebot und Nachfrage so viele unserer tüchtigsten Seeleute anheimgefallen sind.

Als wir die Nacht über bei Kuxhaven vor Anker gelegen und die telegraphisch requirirte Chronometerkorrektion erhalten hatten, gingen wir am Morgen des 17. Novembers endlich in See. Der kleine Dampfer schleppte uns noch bis zum inneren Feuerschiff. Dann aber riss er sich los, um nach Hamburg zurückzukehren. Die Segel wurden entfaltet, und von einem sanften Südwind leicht gebläht, begannen sie, uns leise nordwestwärts zu führen. Bald erschien das äussere Feuerschiff, und hier verliess, mit den letzten Abschiedsgrüssen an die Zuhausegebliebenen reichlich beladen, der Lootse die Euphrosyne, die nun gänzlich auf sich selbst angewiesen war.

Nordsee – Mordsee, unwirsches, tückisches Gewässer, von dessen Launen ich schon gar manche Probe erfahren, wieder lag sie vor mir und that so sanft und unschuldig, als ob sie keinem Menschen böse sein könnte. Kaum dass sich die grüne Fläche des Wassers kräuselte und mit kleinen plätschernden Wellen den Bug des Schiffes umspielte. Die Luft des Horizonts war trübe, aber nur dünnes Gewölk verschleierte die Sonne und gestattete ihr, mit einem hellen, kalten, unheimlichen Schimmer den weitgedehnten Rücken der Salzfluth zu übergiessen. Die Jahreszeit war ungünstig, und das Barometer fiel langsam und stetig. Man musste sich auf einen Sturm gefasst machen. Es galt jetzt, so viel als möglich See zu gewinnen und so weit als möglich vom Lande sich fern zu halten.

Die grauen Umrisse der beiden Thürme auf Neuwerk, das letzte Stückchen Deutschland, verschwanden hinter uns unter den Horizont, und vor uns tauchte der einsame Thonfelsen von Helgoland empor. Als es Abend wurde, blinkte sein Feuer zu unserer Rechten, wich zurück und war nach einigen Stunden ausser Sicht. Die See begann höher zu gehen, dünende Wogen hoben und senkten das Schiff. Die Jammertöne der Seekrankheit regten sich im Zwischendeck, das Volk der Passagiere, bisher ausgelassen lustig und lärmend, wurde still und in sich gekehrt.

Der folgende Tag brachte uns flauen Wind und die Gefahr einer Kollision. Eine Bark, welche kurz vor uns von Kuxhaven abgegangen war, lag in Lee unfern auf dem Wasser, ebenso wie wir mit schlaff an den Raaen herabhängenden, klappernden Segeln. Nur hie und da versuchte ein sanfter Zephyr die Leinwand zu blähen, jedesmal frohe Hoffnung erweckend, aber nur um nach einigen Minuten höhnisch wieder abzulassen und sich schadenfroh an unserer Hilflosigkeit zu weiden.

So lange wir guten Wind von hinten hatten, waren wir mit jener Bark um die Wette gesegelt. Sie war tief geladen, die Euphrosyne jedoch, nur Ballast und wenig Ladung sowie Passagiere, die leichteste Waare, tragend, ragte mit ihrem Körper weit aus dem Wasser und segelte deshalb vor dem Winde um so besser und um so schlechter beim Winde. Gerade als unser Gegner eingeholt und wir in gleicher Höhe mit ihm waren, sprang der Wind nach der Seite um, wurde flauer und hörte endlich ganz auf. Immer näher rückten einander die beiden Schiffe. Wir konnten bereits deutlich mit blossem Auge den Namen und Heimathshafen der Bark »Alartus Hamburg« an ihrem Heck lesen, und noch immer kein Wind, der uns aus der drohenden Lage befreite. Die kleinen Lüftchen, die sich zuweilen regten, genügten vielleicht, den Alartus, wenn er von seinem Kurse abfiel, wegzutreiben, während wir keinen Raum zu vergeben hatten. Auf dem Alartus aber schien man sich wenig um unsere Nachbarschaft zu kümmern. Umsonst flehte unser Kapitän wiederholt durch das Sprachrohr hinüber, auf die Gefahr zu achten, es erfolgte keine Antwort.

Dieser Zustand währte den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein. Ich war vollauf beschäftigt, in meiner Kammer und in den Hospitälern Alles seeklar zu richten, zu ordnen und für den erwarteten Sturm festzustauen. Die schwebende Angelegenheit draussen machte mir nicht den Eindruck der grossen Wichtigkeit, die sie in der That hatte, und das beständige Hin- und Herrennen und Schreien der Offiziere beunruhigte mich nicht mehr, nachdem es bereits mehrere Stunden ohne greifbaren Grund gedauert.

Plötzlich jedoch stieg der Lärm auf eine ängstigende Höhe, und ich eilte nach dem Achterdeck. Die Nacht war so dunkel, dass ich nichts sogleich unterscheiden konnte. Die Matrosen heulten mit doppelter Kraft, indem sie an den ächzenden Tauen rissen. Ich bemerkte allmälig, dass die Raaen back gebrasst wurden, und dass leichte Windstösse in die Vorderflächen der Segel fielen, die Euphrosyne rückwärts treibend, und endlich draussen auf dem Wasser dicht zu unserer Rechten ein schwarzes Ungeheuer, der Alartus. Wir hatten jetzt raumen Wind, die Gefahr war vorüber.

Nur mühsam brachte ich aus dem wuthschnaubenden Kapitän heraus, was eigentlich vorgefallen. Erst musste der Alartus mit allem was darauf war nach allen Dimensionen verflucht werden, und ich bin fest überzeugt, dass in jenem kritischen Augenblick der Führer desselben sofort erwürgt worden wäre, falls er die Unvorsichtigkeit begangen hätte, in unserer Kajüte zu erscheinen. Die beiden Schiffe waren so nahe an einander vorbeigeglitten, dass man von unserem Klüverbaum auf des anderen Achterdeck hätte hinabklettern können, und nur durch den glücklichen Zufall einer aufspringenden Brise und das geschickte Manöver, schnell rückwärts zu gehen, war der Zusammenstoss vermieden worden, welcher beiden Schiffen wenn nicht den Untergang so doch sicher schwere Beschädigung gebracht haben würde. Abermals mein kostbares Leben gerettet, dachte ich, und ging befriedigt zu Bett.

Das Toben des Sturmes weckte mich, als der Morgen eben trübe heraufdämmerte. Es war mir keine angenehme Erfahrung, die ich bei dieser Gelegenheit zum ersten mal machte, dass die Euphrosyne, durchaus abweichend von der Ruhe und Gelassenheit, die sich für ein so starkes und breites Vollschiff eigentlich geziemte, die Neigung besass, sich von jeder Welle hoch emporwerfen zu lassen und in jedes Wellenthal ebenso tief ihre Nase hineinzustecken, und dass sie fast schlimmer rollte, als ein scharfgebauter Postdampfer. »Arbeiten« nennt der Seemann euphemistisch dieses Hin- und Herfackeln, welches bei der Euphrosyne noch mit einem so widerlichen Stöhnen und Aechzen, Knarren und Winseln sämmtlicher Balken und Bälkchen, Bretter und Brettchen komplizirt war, wie ich es nie zuvor auf einem Fahrzeuge weder Seiner Majestät noch zivilen Besitzthums kennen gelernt hatte. In dieses haarsträubende Konzert mischte sich noch zu allem Ueberfluss das beständige Auf- und Zuschlagen von mehr als einem Dutzend Thüren im Bereich meiner Ohren, welche entweder kein Schloss oder ein unbrauchbares besassen und bei welchen man in der Eile der Ausrüstung vergessen hatte, Haken zum Befestigen im geöffneten Zustande anzubringen.

Solchem Unfug ein Ende zu machen war meine erste Thätigkeit, und ich schickte mich an, einen dieser rebellischen Gegenstände nach dem anderen festzunageln oder festzubinden oder auszuhängen. Nur Derjenige, der selbst erfahren hat, welche Schwierigkeiten das beständige Hin- und Hergeworfenwerden, das ewige Auf- und Niederklettern im Innern eines heftig arbeitenden Schiffes bereitet, und das Gefühl der Betäubung kennt, welches das Tosen der Winde und der Wogen und der unaufhörliche Lärm der sich aneinander reibenden Holztheile hervorbringt, und in welchem man schliesslich nicht mehr weiss, was oben und unten, was horizontal und was vertikal ist, nur Derjenige wird die Grösse meines Unternehmens zu würdigen verstehen. Ich war allein und ohne Beihilfe. Denn Jan Maat, dessen Gehörorgane übrigens auch hocherhaben sind über Kleinigkeiten wie Lärm auf- und zuschlagender Thüren, hatte draussen zu thun, und fast alle Anderen waren seekrank oder mit seekranken Weibern und Kindern beschäftigt.

Der Tag ging langsam vorüber wie alle Sturmtage. Man versucht sich zu beschäftigen, steht aber bald wieder davon ab, man nimmt etwas Nahrung zu sich und ist froh, wenn dies ohne sonderlichen Unfall gelungen. Man klettert auf Deck und klettert nach wenigen Minuten, von See- und Regenwasser durchnässt, wieder in die Kajüte hinab, man sieht sehr oft nach dem Barometer und sehnt sich nach besserem Wetter. Die Passagiere waren heute äusserst artig. Keine Klagen über das Essen kamen, keiner hatte Appetit. Friedlich und einträchtig lagen sie neben einander in ihren Kojen und leisteten Neptun wetteifernd die üblichen Opfer.

Wind und See kamen von Norden, wir lagen mit kleinen Segeln bei und steuerten Westnordwest, so dass wir rechnen konnten, nach West oder Südwest in der Richtung von Dover abzutreiben und somit nichts zu verlieren. Gegen Abend klarte der Himmel auf, und der Sturm legte sich etwas, es wurden mehr Segel gesetzt und Kurs gesteuert.

Eben hatte uns der seekranke, bleiche und knieschlotternde Kajütsjunge, den der Proviantmeister durch die bei Seeleuten so beliebte Prügelkur zu heilen beflissen war, den Thee kredenzt, als der wachehabende Bootsmann eintrat und den Kapitän frug, ob er nicht die Untersegel festmachen dürfe, da der Wind wieder stärker zu blasen anfing, und noch war der Bescheid darauf nicht gegeben, als ein Pfeifen und Heulen, ein Brüllen und Tosen durch das Takelwerk schwirrte, wie wenn ein Heer Dämonen plötzlich losgelassen wäre auf unser armes Schiff, welches in seinen Grundfesten erbebte und sich jäh auf die Seite legte. Bootsmann und Kapitän eilten zur Thüre hinaus, und ich folgte ihnen.

Der Athem versagte mir, als ich, mich anklammernd, draussen stand. Noch nie hatte ich die Gewalt eines ähnlichen Orkanes empfunden. Es war, als ob Haare, Nase und Ohren weggeweht werden sollten. Gegen die Windrichtung zu blicken war unmöglich, fliegender Wasserstaub verletzte stechend Gesicht und Augen. Nur mit Hilfe der Hände konnte man sich gegen die heranstürzenden Luftmassen vorwärtsziehen.

Vergebens schrie der Kapitän mit der vollen Kraft seiner höchst respektablen Lungen, dass alle Segel festgemacht werden sollten. Fünf Schritte von ihm entfernt war seine Stimme nicht mehr zu hören, und die Segel zerrissen in Fetzen, donnernd gegen die Masten und Riggen schlagend, oder flogen mit einem Krach hinaus in die See, platt wie eine Wand, ohne im Flug ihre gespannte Form zu verlieren. Alle Matrosen, der Steuermann, der Bootsmann, der Proviantmeister und der Koch gingen nach oben, aber jeder hatte genug zu thun, sich zu halten und nicht wegschleudern zu lassen. Ich selbst stellte mich unter das Kommando eines Passagiers, der früher Seemann gewesen, und zog mit ihm und einigen anderen jungen Männern, welche die Angst zur Arbeit antrieb, an den Brassen, um die Raaen der Richtung des Windes parallel zu drehen. Trotz aller Anstrengungen blieben die Fetzen der Segel lose und peitschten donnernd weiter.

Erschüttert stand ich hinten, betrachtete schaudernd den wüthenden Kampf der Elemente und überlegte die Möglichkeit des Ertrinkens. Ich hatte schon oft versucht, meine Phantasie mit diesem Gedanken zu üben. Bei schönem Wetter und während des Tages war es mir nie gelungen, ihn schreckhaft zu finden. Jetzt aber, im Geheule des nächtlichen Sturmes, bei dem ringsum herrschenden Dunkel, in welchem die hoch sich thürmenden schäumenden Wogen gespenstig leuchtend auf und nieder gaukelten, erfüllte mich die Vorstellung, über Bord zu fallen und von dem kochenden Gischt verschlungen zu werden, mit Entsetzen. Wenn jetzt ein anderes Schiff uns entgegenkam, unter der Gewalt des Orkanes ebenso wenig freier Herr seiner Bewegungen wie wir, keine Möglichkeit auszuweichen, es wäre unser Aller Ende gewesen. Ein dröhnender Krach, ein vielhundertstimmiger Todesschrei, und die tosenden Wogen schlugen über uns zusammen, wie über so viele andere vor uns.

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Reise durch den Stillen Ozean von Max Buchner. Der Text ist in den USA gemeinfrei, digitalisiert von den Freiwilligen von Project Gutenberg. Wir liefern ihn aus unserer eigenen Kopie aus.

Gesprochen von Claus Misfeldt für LibriVox, ebenfalls gemeinfrei.

tale.fyi